Johannisbeeren, die die Apokalypse überstehen

Wie die Sorten Domino, Karina, Ritmo und Viktor dem Klimawandel und extremem Wetter trotzen

190
ursprüngliche Kreuzungen
4
nach der Selektion ausgewählte Sorten
−28 °C
Frost, den die Sorten im Winter 2006/2007 überstanden
8,7 von 9
Fruchtgröße der Sorte Ritmo

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Stellen Sie sich den Albtraum eines modernen Obstbauern vor: Im Februar steigen die Temperaturen frühlingshaft, und die Natur erwacht zu früh. Um den Übergang von März zu April fällt die Temperatur dann unter den Gefrierpunkt. Wenn die Sträucher endlich blühen, folgen die Maifröste. Und der Sommer wird zur Achterbahn: Wochen mit Trockenheit und Hitze über 30 °C werden von plötzlichen, anhaltenden Regengüssen abgelöst.

Unter solchen Bedingungen haben ältere, traditionelle Sorten der Schwarzen Johannisbeere oft große Probleme. Die Blüten fallen ab, der Ertrag geht stark zurück, und die Pflanzen kämpfen ums Überleben. Der Klimawandel ist längst keine Theorie aus dem Lehrbuch mehr, sondern alltägliche Realität in unseren Gärten.

Kann man überhaupt gegen das Wetter ankämpfen? Ein Gewächshaus über dem ganzen Garten können wir nicht bauen, aber wir können auf Sorten mit der richtigen Genetik setzen. Genau das haben Wissenschaftler aus Schweden, Litauen, Lettland und Russland erreicht. Das Ergebnis ihrer langjährigen Züchtung sind vier Sorten: Domino, Karina, Ritmo und Viktor. Sie wurden nicht nur auf Geschmack oder Fruchtgröße gezüchtet, sondern auch darauf, klimatische Extreme zu meistern. Schauen wir uns die Daten aus den Feldversuchen an.

Zum Überleben geboren: Das Ziel war ökologische Plastizität

Als das gemeinsame internationale Zuchtprogramm zwischen 1995 und 2001 startete, erkannten die Wissenschaftler die Hauptschwäche der damaligen Handelssorten wie Titania, Ojebyn oder Ben Lomond: Sie passten sich schlecht an Temperaturschwankungen am Winterende an und vertrugen Spätfröste schlecht.

Was bedeutet ökologische Plastizität?

Die Fähigkeit einer Pflanze, sich schnell an wechselnde und ungünstige Umweltbedingungen anzupassen.

Ziel war es, Hybriden mit hoher ökologischer Plastizität zu züchten. Aus den ursprünglich 190 Kreuzungen gingen nach strenger Selektion vier Sorten hervor: Domino, Karina, Ritmo und Viktor. Ihre wahre Stärke zeigte sich in den folgenden Jahren, als das Wetter mit voller Wucht zuschlug.

Die Frostprobe: Wenn nach einem falschen Frühling −28 °C kommen

In Nord- und Mitteleuropa schaden Obstgehölzen Temperaturschwankungen oft mehr als der strenge Winter selbst. Wird es im Februar warm, beendet die Pflanze die Dormanz (die Winterruhe), Wasser und Nährstoffe beginnen zu fließen, und die Knospen schwellen an. Kommt danach Frost, schädigt das gefrierende Wasser die Zellen.

Winter 2006/2007: −28 °C

Nach einer langen milden Phase schlug das Wetter in den letzten zehn Februartagen abrupt um, und die Temperatur sank auf −28 °C. Die meisten gewöhnlichen Sorten mit kurzer Ruhezeit erlitten schwere Schäden an Knospen und Holz.

Domino, Karina, Ritmo und Viktor überstanden diesen Temperatursturz mit minimalen oder gar keinen Schäden. Dank ihrer Genetik ließen sie sich vom falschen Frühling nicht täuschen und blieben lange genug in der Winterruhe.

Ein Gewächshaus über dem ganzen Garten können wir nicht bauen, aber die Wahl der richtigen Genetik haben wir selbst in der Hand.

Spätfröste und kühle Blüte: So bleibt die Ernte erhalten

Der Klimawandel bringt immer häufiger Spätfröste, und zwar genau dann, wenn Johannisbeeren am empfindlichsten sind: beim Knospenaustrieb und während der Blüte. Eine umfangreiche lettische Studie (2025 veröffentlicht), die Sorten von 2019 bis 2021 bewertete, verzeichnete anspruchsvolle Frühjahrsbedingungen:

Lettische Studie 2019–2021: Frühjahrsbedingungen

2019: Fröste bis −5,2 °C beim Knospenaustrieb und −2,1 °C während der Blüte.

2020: Spätfröste zu Beginn der Blüte mit −3,9 °C.

2021: Spätfröste traten vereinzelt bis Anfang Mai auf.

Wie schnitten die getesteten Sorten ab? Viele der geprüften Sorten und Zuchtstämme verloren mehr als 50 % der Blütenknospen, Karina und Ritmo erwiesen sich jedoch als widerstandsfähig. Auf einer 9-Punkte-Skala für Frühjahrsfrostschäden (1 = kein Schaden, 9 = zerstört) erreichte Karina 2,2 Punkte und Ritmo 3,0. Sie schützten ihre Blüten und sicherten so die kommende Ernte.

Nicht nur Frost ist ein Problem, sondern auch Kälte. In den Jahren 2007 und 2008 sanken die Temperaturen während der Blüte auf 7,1 bis 12,2 °C. Bei solcher Kälte fliegen weniger Insekten, weshalb gewöhnliche Sorten unter mangelhafter Bestäubung leiden. Domino, Karina, Ritmo und Viktor konnten dank ihrer hohen Anpassungsfähigkeit ihre Erträge nicht nur halten, sondern sogar von Jahr zu Jahr steigern.

Sommerextreme: Trockenheit, Hitze und Starkregen

Übersteht eine Johannisbeere Winter und Frühjahr, hält der Klimawandel im Sommer die nächste Prüfung bereit. Die lettischen Versuche von 2019 bis 2021 verzeichneten außergewöhnlich trockene und heiße Sommermonate (im Juli 2021 stieg die Temperatur auf 32,2 °C), auf die im August schwere, anhaltende Regengüsse folgten.

Johannisbeeren haben von Natur aus einen hohen Wasserbedarf, daher ist Trockenheit während der Fruchtbildung sehr schädlich: Die Beeren bleiben klein und vertrocknen, und der Ertrag sinkt.

Trotz dieser Schwankungen behielten Karina und Ritmo ihre großen Früchte (nach europäischen Maßstäben). Bei der Bewertung der Fruchtgröße (Skala bis 9) erreichte Karina 8,3 Punkte und Ritmo mit 8,7 einen Rekordwert. Ihr tiefes, kräftiges Wurzelsystem und ihre genetische Stresstoleranz ermöglichten es ihnen, auch in trockenen Phasen genügend Wasser und Nährstoffe aufzunehmen. Zudem erzielten sie einen hohen Ertrag (Werte von 5,3 und 5,2) und bestätigten damit, dass sie auch bei ungünstigem Wetter zuverlässig Früchte tragen.

Die Feldversuche in Zahlen

Die Skalen unten zeigen die Werte von Karina und Ritmo im Verhältnis zur 9-Punkte-Skala, die in der Studie verwendet wurde.

Frühjahrsfrostschäden: Karina 2,2 von 9
1 = kein Schaden 9 = zerstört
Frühjahrsfrostschäden: Ritmo 3,0 von 9
1 = kein Schaden 9 = zerstört

Die Position der Markierung bezieht sich auf die 9-Punkte-Skala; ein niedrigerer Wert ist besser.

Fruchtgröße (Skala bis 9)

Ritmo 8,7 von 9
Karina 8,3 von 9

Die Balkenlänge zeigt den Wert im Verhältnis zum Skalenmaximum von 9; ein höherer Wert ist besser.

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Merkmal Domino Karina Ritmo Viktor
Winter 2006/2007 (−28 °C) minimale oder keine Schäden minimale oder keine Schäden minimale oder keine Schäden minimale oder keine Schäden
Kühle Blüte 2007 und 2008 (7,1 bis 12,2 °C) Erträge gehalten oder gesteigert Erträge gehalten oder gesteigert Erträge gehalten oder gesteigert Erträge gehalten oder gesteigert
Frühjahrsfrostschäden 2019–2021 (1 = keine, 9 = zerstört) nicht angegeben 2,2 3,0 nicht angegeben
Fruchtgröße (Skala bis 9) nicht angegeben 8,3 8,7 nicht angegeben
Ertrag (Punktwert) nicht angegeben 5,3 5,2 nicht angegeben

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Bitte beachten Sie

Die Werte stammen aus konkreten Versuchen (Lettland, 2019 bis 2021) und aus Beobachtungen nach dem Winter 2006/2007. In Ihrem eigenen Garten können die Ergebnisse je nach Standort, Boden und Pflege abweichen.

So lesen Sie die 9-Punkte-Skala für Schäden

Niedriger Wert (nahe 1): Die Blüten sind nahezu unbeschädigt. Karina (2,2) und Ritmo (3,0) liegen im unteren Bereich der Skala.
Mittlere Werte: Die Blüten sind teilweise geschädigt.
Hoher Wert (nahe 9): Die Blüten sind zerstört.

Fazit

Der Anbau im Freiland wird im Zeitalter des Klimawandels zu einem riskanteren Geschäft. Obstbauern können sich nicht mehr darauf verlassen, dass dieses Jahr ein normales Wetterjahr wird, denn normales Wetter wird immer seltener.

Domino, Karina, Ritmo und Viktor sind nicht nur wegen Geschmack oder Fruchtgröße interessant, sondern vor allem wegen ihrer Stabilität. Dank ihrer ökologischen Plastizität überstanden alle vier den falschen Wärmeeinbruch im Februar ohne nennenswerte Schäden, und Karina und Ritmo schützten im Frühjahr zudem ihre Blüten vor Frost und behielten auch bei Sommerhitze und Trockenheit große Früchte.

Für Anbauer, die das Verlustrisiko nach Spätfrösten senken möchten, sind diese Sorten eine vernünftige Wahl.


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